Warum wir trotz Super-Algorithmen nicht freitags um 12 gehen

Hast du dich in letzter Zeit mal gefragt, wo die ganzen Stunden eigentlich hin sind, die uns durch Automatisierung und KI versprochen wurden?

Ich höre den großen Pitch der Tech-Industrie: „Dieser Copilot spart dir zehn Stunden die Woche.“ Das kling nach Freiheit… das kling nach Durchatmen. Aber wenn ich mich heute in Agenturen, Institutionen und Konzernzentralen umschaue, sehe ich niemanden, der deswegen am Freitagmittag den Laptop zuklappt und ins Wochenende startet. Ganz im Gegenteil. Die Schreibtische sind voller als je zuvor. Der Takt hat sich erhöht, das Rauschen ist lauter geworden.

Lass uns heute mal hinter die glänzende Fassade der Effizienzversprechen schauen. Ich behaupte:

Technik spart keine Zeit, sie verdichtet sie nur. Und der Grund dafür sind keine bösen Algorithmen, sondern drei uralte ökonomische und psychologische Mechanismen, die tief in uns und unseren Organisationen verwurzelt sind.

Wir haben diesen alten Geistern nur gerade ein digitales Raketentriebwerk auf den Rücken geschnallt.

Wenn billig plötzlich teuer wird

Was passiert, wenn etwas plötzlich nichts mehr kostet? Wird deshalb viel zu viel davon konsumiert? Ich denke dabei an das „All-you-can-eat“-Buffet. Genau das passiert gerade mit unserer Kommunikation.

Im 19. Jahrhundert beobachtete William Jevons etwas Kurioses: Als Dampfmaschinen effizienter wurden und weniger Kohle brauchten, sank der Kohleverbrauch nicht. Er explodierte. Weil Energie billiger wurde, fanden die Menschen plötzlich tausend neue Wege, sie zu nutzen. Das ist das Jevons-Paradoxon.

Übertrag dies einmal auf deinen Posteingang. “Früher”, als wir E-Mails noch selber tippen mussten, gab es noch so etwas wie „mentales Porto“. Es kostete dich zehn Minuten Zeit und Hirnschmalz, eine Nachricht zu formulieren. Diese hohen Kosten waren ein natürlicher Filter. Du hast kurz innegehalten und überlegt: „Braucht der Kollege das wirklich oder spare ich mir diese Zeit?“

Heute schreibt dir eine KI auf Basis von drei Worten einen Entwurf in zehn Sekunden. Die Grenzkosten der Erstellung sind praktisch bei Null angekommen und prinzipiell kann der Output sich fast auf ♾️ (Unendlich) ausdehnen. Aber was machen wir mit den gewonnenen neun Minuten und fünfzig Sekunden? Wir nutzen sie, um fünfzig weitere E-Mails zu generieren und fluten so andere Postfächer oder Social-Media Kanäle mit „billigem“ Content… einfach weil wir es können. Wir erzeugen damit die Inflation des Wortes, und am Ende ersticken wir selbst an der Menge dessen, was wir eigentlich nur kurz mitteilen wollten… denn die anderen haben ja ähnliche Strategien.

Der digitale Verkehrsstau

Lass uns auf die Andere Straßenseite schauen. Stadtplaner! Die wissen es schon seit Jahrzehnten: Wer Straßen baut, um Staus zu lösen, erntet nur noch mehr Autos und noch mehr Stau. Das Angebot schafft sich seine eigene Nachfrage. Das nennt man induzierte Nachfrage.

In unseren Kommunikation erleben wir gerade genau diesen Effekt. Weil das Erstellen und Generieren von Inhalten so unfassbar leicht geworden ist, schrauben wir unbewusst unsere Ansprüche in absurde Höhen.

Erinnerst du dich an den einfache Konzept-Skizze von früher? Ein solider Text war genug um die Idee zu transportieren, fertig. Heute reicht das nicht mehr. Da die Hürde so niedrig liegt, erwarten wir jetzt fast automatisch super gestylte mit KI-generierte Grafiken aufgehübschte Dokument für den Vorstand und dazu drei simulierte Zukunftsszenarien und Entscheidungsvorlagen. Warum? Weil es geht.

Unsere digitale Autobahn verstopft. Ich höre von Menschen, dass sie mittlerweile viel Zeit damit verbringen diese Masse an KI-Output zu verwalten, zu sortieren, auf Halluzinationen zu prüfen und in die richtigen Kanäle zu leiten, als echte, wertschöpfende Arbeit zu leisten. Im Lean Management nennet man diese “Verschwendung durch unnötige Bewegung oder Transport“… also Reibungsverlust. Wir sind so beschäftigt damit, den Verkehr zu regeln, dass wir vergessen, wo wir eigentlich hin wollten.

Die Angst vor der Leere

Und dann ist da noch der Faktor Mensch. Cyril Northcote Parkinson hat es schon vor langer Zeit auf den Punkt gebracht:

Arbeit dehnt sich in genau dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.

Hier wird es psychologisch. Hand aufs Herz: Wer traut sich schon, im Großraumbüro einfach mal aus dem Fenster zu starren, nur weil die Aufgabe dank KI in fünf Minuten erledigt war? Im Vertrag stehen acht Stunden und man wird für die sinnvolle Anwesenheit bezahlt. Die Leere macht uns nervös. Wir haben Angst, unproduktiv zu wirken.

Also fangen wir an, die Ergebnisse zu vergolden („Gold-Plating“) . Wir feilen stundenlang an Prompts, wir lassen die KI den Text noch dreimal umschreiben, wir verschlimmbessern das Ergebnis. Wir inszenieren Produktivität, um für andere beschäftigt zu wirken. Hier vielleicht ein hilfreicher Aspekt: Wir können KI auch nutzen, um durch Tiefe das Ergebnis veredeln.

Ein mögliches dystopische Endstadium dieses Verhaltens sehe ich schon am Horizont: Der „Bot-zu-Bot-Loop“.

1. Meine KI fasst Notizen zusammen und schickt sie dir.
2. Deine KI liest die Zusammenfassung und schreibt eine Antwort.
3. Meine KI fasst deine Antwort wieder für mich zusammen.
4. usw…

Niemand liest mehr wirklich, die Maschinen unterhalten sich, und wir Menschen stehen daneben und überwachen nur noch den Ping-Pong-Tausch von Datenmüll und degradieren uns selber von Schöpfer zum Redakteur oder Controller der Knöpfe drückt.

Vom Output zum Outcome

Vielleicht stecken wir in einem Denkfehler fest. Viele Menschen messen Produktivität immer noch wie am Fließband: an der Menge des Outputs. Anzahl der Codezeilen, Anzahl der geschriebenen Seiten und sitzenden Stunden vor dem Bildschirm. Sieht wirklich beeindrucken aus, und un diesem Spiel ist die KI dein bester Partner und der ungeschlagene Weltmeister. Wenn wir allerdings versuchen, diese in einem solchen Output-Spiel zu schlagen oder auch nur mitzuhalten, brennen wir maximal aus.

Wahre Produktivität im KI-Zeitalter bedeutet etwas völlig anderes. Sie bedeutet, den Output aktiv zu begrenzen, in die Tiefe zu gehen, um Wirkung zu erzielen.

Also, wie kommen wir da raus? Indem wir uns trauen, weniger zu machen (“Make more with LeSS”)

Künstliche Verknappung. Wir müssen uns selbst Limits setzen. „Keine KI-Texte länger als 200 Wörter für interne Memos.“ Das zwingt zur Präzision.

Weglassen als Kompetenz. Wir sollten Kollegen nicht dafür feiern, was sie generiert haben, sondern für das, was sie uns erspart haben. Fokus ist die neue Währung

Die Human-Layer-Regel. Kein KI-Output sollte das Haus verlassen oder an einen Kollegen gehen, ohne dass ein Mensch kurz innegehalten und geprüft hat: Zahlt das auf unser strategisches Ziel ein? Respektiere ich die Zeit des anderen? Oder ist das nur Rauschen?

Und was jetzt?

Wenn wir KI nur nutzen, um das Hamsterrad schneller zu drehen, verlieren wir tiefe, während unsere Produktivitätsstatistiken “virtuell” durch die Decke gehen. Das ist kein technisches Problem, es ist ein kulturelles.

Idealerweise nutzen wir die Technologie nicht, um mehr zu machen und horizontal zu skalieren und mehr zu machen, sondern, um schneller fertig zu sein um Zeit zu haben qualitativ besser zu werden (Tiefe). Und dann kommt erst der schwierigste Teil: Falls Zeit frei wird, den Mut aufzubringen die gewonnene Zeit nicht mit neuer Arbeit zu füllen, sondern mit echtem Denken oder Beziehungsarbeit. Oder, Gott bewahre, mit Freizeit.

Lust auf ein Experiment?

Um das Muster der “endlosen Fülle” einmal ganz bewusst zu brechen, lade ich dich zu einem kleinen Experiment in der nächsten Woche ein. Nennen wir es “Die analoge Stunde”.

Blockiere dir einen Termin mit dir selbst. Eine Stunde. Nimm ein Problem mit, das dich gerade im Job beschäftigt. Aber: Lass alle digitalen Hilfsmittel aus. Kein Laptop, kein Handy, keine KI. Nur ein Blatt Papier und ein Stift.

Beobachte dabei dich selbst: Wie oft greift dein Impuls nach dem digitalen Werkzeug, wenn du ins Stocken gerätst? Wie fühlt es sich an, die “Leere” auf dem Blatt nur mit deinem eigenen Kopf füllen zu müssen? Was passiert mit der Qualität deiner Gedanken, wenn sie nicht sofort durch “Möglichkeits-Vorschläge” einer KI überlagert werden?

Ertrage die Stille. Dort liegt oft die Antwort, die kein Algorithmus berechnen kann.