Du stehst in der Küche, rührst Götterspeise an und stellst sie in den Kühlschrank. Dann passiert erstmal… nichts. Du schaust nach einer Stunde rein. Flüssig. Nach zwei Stunden. Immer noch flüssig. Vielleicht etwas dicker, aber im Grunde dasselbe Zeug wie vorher. Und dann, irgendwann zwischen Stunde drei und vier, ohne dass du den exakten Moment mitbekommst: fest. Kein Übergang, den du beobachten konntest. Kein allmähliches Härterwerden.
Dieser Veränderungsvorgang wird in der Physik Gelation genannt. Einen plötzlicher Phasenübergang der eine Eigenschaft hat, die uns gerade alle betrifft, ob wir es wissen oder nicht.
Und was hat jetzt Götterspeise mit Veränderung zu tun?
Die meisten von uns denken über Veränderung wie über einen Dimmer. Schrittweise und Vorhersehbar. Wenn es gestern ein bisschen anders war als vorgestern, dann wird morgen ein bisschen anders sein als heute. Wir planen so, legen Budgets fest und beruhigen uns so. Wir finden Sicherheit in der kontinuität des kleinen gewohnten Wandels.
Aber manche Veränderungen funktionieren nicht wie ein Dimmer. Sie funktionieren wie ein Lichtschalter. Und das Tückische daran: Kurz vor dem Umschalten sieht es noch genauso aus wie die ganze Zeit davor.
Gelation ist genau so ein Schalter. In der Physik beschreibt sie den Moment, in dem viele kleine Teile, die sich langsam miteinander verbinden, plötzlich ein zusammenhängendes Ganzes bilden. Vorher ist es sozusagen Suppe. Nachher etwas qualitativ anderes. Das Faszinierende daran: Die einzelnen Verbindungen passieren schon die ganze Zeit vorher. Molekül dockt leise und an Molekül an und es passiert unauffällig, im Hintergrund. Erreicht die Vernetzung einen kritischen Punkt kippt das System.
Das Leben und Intelligenz selbst könnte so ein Kipp-Moment sein
Der Forscher Blaise Agüera y Arcas hat etwas Bemerkenswertes gezeigt. Er hat am Computer eine Art Ursuppe simuliert. Tausend zufällige Schnipsel, die sich zufällig begegnen und miteinander interagieren. Millionen solcher Begegnungen lang passiert scheinbar nichts Besonderes. Und dann, nach etwa sechs Millionen Begegnungen: der Phasenübergang! Plötzlich entstehen Strukturen, die sich selbst replizieren und scheinbar etwas, das man nur als lebendig bezeichnen kann, taucht auf. Nicht langsam und graduell. Sondern instant.
Das Entscheidende: Die Zutaten für diesen Sprung waren die ganze Zeit da. Es sind Kooperationen zwischen winzigen Einheiten entstanden, die einzeln bedeutungslos wirken, zusammen aber einem bestimmten Vernetzungsgrad, erzeug der vorher nicht existiert hat.
Zwölf Treppenstufen, von denen du nur die letzte siehst
Agüera y Arcas fand heraus, dass es ungefähr zwölf Zwischenschritte braucht, bis solch ein Phasenübergang in seinem Experiment stattfindet. Zwölf Stufen, die aufeinander aufbauen. Manche davon gehen schnell, andere dauern lange. Und von außen betrachtet sehen Stufe drei und Stufe elf fast identisch aus. Durch reine Beobachtung konnte er nicht unterscheiden, ob das System kurz vor dem Umbruch stand oder noch am Anfang war.
Wie fühlt sich so was in der echten Welt an? Vielleicht genau so, wie sich gerade vieles anfühlt. In Organisationen, in Berufsbildern und in der Art, wie wir arbeiten, lernen, miteinander umgehen. Es verändert sich gerade etwas, aber es ist schwer greifbar. Du weißt, dass die Welt in fünf Jahren anders aussehen wird. Aber es ist unklar wie? Und ob der große Umbruch in zwei Monaten kommt oder in zehn Jahren ist ungewiss.
Das ist keine Schwäche einer Analyse sondern scheinbar die Natur von Phasenübergängen. Sie sind prinzipiell schwer vorherzusagen, selbst wenn du alle Zutaten kennst.
Vor der Plötzlichkeit…
Aber es gibt Vorboten. In der Physik lässt sich beobachten, dass ein System kurz vor dem Phasenübergang instabiler werden. Kleine Störungen erzeugen größere Ausschläge. Dinge, die vorher stabil nebeneinander existierten, beginnen stärker miteinander zu wechselwirken. Die Kooperation zwischen den Akteuren nimmt zu. Das alte Gleichgewicht wackelt.
Und, kommt dir das bekannt vor?
Branchen, die jahrzehntelang stabil waren, geraten ins Rutschen. Rollen, die gestern noch klar definiert waren, verschwimmen. Kompetenzen, die ein Berufsleben lang getragen haben, verlieren über Nacht ihren Marktwert. Gleichzeitig entstehen Verbindungen, die es vorher nicht gab. Menschen kooperieren mit Werkzeugen auf eine Weise, die vor zwei Jahren undenkbar war. Wissen fließt in Richtungen, die kein Organigramm vorgesehen hat.
Das sind im übertragenen Sinn vielleicht die Moleküle, die aneinander andocken.
Die Biologie als Lehrmeisterin
Die Biologin Lynn Margulis hat in den 1960er Jahren etwas ähnliches gezeigt, wofür sie lange belächelt wurde. Die großen Sprünge in der Evolution, die wirklich dramatischen Veränderungen, kamen nicht durch kleine Mutationen. Sie kamen durch Verschmelzung. Zwei Organismen, die vorher getrennt existierten, gingen eine so enge Kooperation ein, dass sie zu einem neuen Organismus wurden. Unsere Zellen tragen bis heute die Spuren davon. Die Mitochondrien in jeder einzelnen deiner Zellen waren einmal eigenständige Bakterien.
Margulis nannte das Symbiogenese. Und es ist ein Muster, das sich durch die gesamte Geschichte des Lebens zieht. Einzeller verschmelzen zu komplexen Zellen. Zellen verschmelzen zu Vielzellern. Individuen verschmelzen zu Gruppen. Gruppen verschmelzen zu Gesellschaften. Jedes Mal entsteht etwas qualitativ, emergent Neues. Nicht durch Optimierung des Bestehenden sondern durch Zusammenkommen. Und jedes Mal vorher sieht es wie Chaos aus.
Warum dir niemand sagen kann, was als Nächstes kommt
Hier liegt der Kern der Unsicherheit, die so viele Menschen gerade spüren. Vielleicht erleben wir nicht einfach exponetiellen Wandel. Unter Umständen erleben wir die Vorboten eines Phasenübergangs. Und Phasenübergänge haben eine unangenehme Eigenschaft: Das System danach lässt sich nicht aus dem davor ableiten.
Bekanntermaßen wird Wasser zu Eis. Aber wenn du Wasser wärst und noch nie Eis gesehen hättest: Du könntest es dir nicht vorstellen, weil die Eigenschaften von Eis nicht in den Eigenschaften von Wasser enthalten sind. Sie entstehen erst im Übergang.
Genau deshalb fühlt sich vielleicht die Gegenwart so orientierungslos an. Nicht weil wir zu wenig wissen. Sondern weil das Wissen, das wir bräuchten, noch nicht existiert. Diese entstehen gerade im Übergang.
Und was hilft dann?
Wenn du nicht vorhersagen kannst, was kommt, aber weißt, dass es plötzlich kommen wird, dann ist die wichtigste Fähigkeit nicht Planung. Dann ist es:
Anpassungsfähigkeit
Nicht die hektische Sorte und auch nicht das atemlose Hinterherjagen jedes neuen Trends. Sondern die Fähigkeit, loszulassen, was gestern funktioniert hat, ohne in Panik zu verfallen. Den Mut, Verbindungen einzugehen, die du noch nicht einordnen kannst. Die Bereitschaft und Offenheit, dich auf Kooperationen einzulassen, deren Ergebnis du nicht kontrollierst.
Denn das zeigt die Gelation auch: Was auf der anderen Seite des Phasenübergangs entsteht, entsteht durch Verbindung und nicht durch Isolation oder durch Festhalten. Durch das Eingehen von Beziehungen, die das System verändern.
Auch die Mitochondrien deines Körpers haben ihre Eigenständigkeit aufgegeben. Dafür leben sie in jeder Zelle und das ist kein schlechter Deal.
Der Pudding wird fest. Die Frage ist nur, was du dann damit machst.
Möglicherweise stehen vor einer Gelation. Vielleicht gesellschaftlich, definitiv beruflich, möglicherweise auch als Spezies. Die kleinen Verbindungen, die den Übergang vorbereiten, passieren jetzt. In deinem Arbeitsalltag, in deinen Teams, in der Art, wie du lernst und kommunizierst.
Du kannst nicht verhindern, dass der Pudding fest wird. Aber du kannst dich fragen: Welche Verbindungen gehe ich gerade ein? Welche Kooperationen lasse ich zu? Und bin ich bereit, mich von dem zu lösen, was ich kenne und war, um Teil von etwas zu werden, das ich mir noch nicht vorstellen kann?
Und das ist aus meiner sicht einer der eigentlichen Coaching-Frage unserer Zeit.
Nicht: Wie optimiere ich mich für die Zukunft?
Sondern: Wie werde ich jemand, der mit Plötzlichkeit umgehen kann?
Die Götterspeise hat darauf keine Antwort. Aber sie hat ein verdammt gutes Bild dafür geliefert.

